Rezension von Dr. Dietlind Langner in der „Wilinaburgia“

Gestern erschien im Mitteilungsblatt der „Wilinaburgia“ (Verein der ehemaligen Angehörigen und Freunde des Gymnasium Philippinum Weilburg e.V.) eine zweiseitige Rezension meines Gedichtbandes „Gezeitenrhythmus in HD“. Hier die  eingescannten Seiten der Ausgabe (auf einer dritten Seite sind zwei weitere Gedichte):
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Und hier der Text zum bequemeren Lesen:

„Hommage an meinen ehemaligen Schüler Marco Kunz
(von Dr. Dietlind Langner)

Aus unserem Gymnasium ist ein starker Lyriker hervorgegangen: Marco Kunz, Abiturient am Philippinum 1994. Anlässlich seines ersten in eigener Edition herausgebrachten Gedichtbandes „Gezeitenrhythmus in HD“ bietet es sich an, ihn und sein Schaffen den Wilinaburgen noch einmal neu bekannt zu machen.
Schon im Deutschunterricht der Oberstufe fiel er durch seine lyrischen Schreibversuche auf. Er und seine drei Mitschüler Thomas Nessi, Lothar Diehl und Nico Hauser schlossen sich noch zu Schulzeiten zu einem Dichterbund zusammen und trafen sich wöchentlich bei Wein und Kerzenlicht, um die jeweils neu entstandenen Gedichte einander vorzutragen und miteinander zu besprechen. Mit einer Dichterlesung traten sie schon nach einem Jahr etwa in der Weilburger Kreis- und Stadtbücherei an die Öffentlichkeit.
Marco ging nach dem Abitur zum Germanistikstudium nach Berlin. Dort lebt und arbeitet er nun schon viele Jahre als quasi freier Künstler und – menschenzugewandt – in der Pflege alter und kranker Personen.
1999 nahm er an einem Lyrikwettbewerb teil und erhielt den Förderpreis des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Sein Gedicht „Von Musik und Kondomen“ fand Aufnahme in die Anthologie „Nagelprobe 16“ des Suhrkamp-Verlags. (In der Wilinaburgia wurde darüber berichtet.) 2004 erschien sein Gedicht „Hauspflege“ im „Jahrbuch der Lyrik 2005“ bei C.H. Beck. Das „Jahrbuch der Lyrik 2007“ (S. Fischer-Verlag) druckte sein Gedicht „Was es braucht“ ab, welches zwei Jahre später in englischer Übersetzung auch in der „Atlanta Review“ veröffentlicht wurde. An die 20 andere Gedichte erschienen zwischen 2003 und 2008 in der Zeitschrift „Der Literaturbote“ und in der Zeitschrift „Zeichen und Wunder“.

Und nun liegt uns gewissermaßen eine Gesamtausgabe seiner teils schon veröffentlichten, teils noch nicht publizierten älteren und ganz neuer Lyrik vor:
„Gezeitenrhythmus in HD“! Das Cover schuf sein Bruder Matthias, bildender Künstler, ebenfalls in Berlin. Ich erinnere mich, dass Matthias einmal in einer Projektwoche am Philippinum sehr gekonnt zum Comic-Zeichnen anleitete. –
Beschäftigt man sich nun mit den Texten dieses Bandes, fällt zunächst ihr ungewöhnliches Schriftbild auf. Der Bau der einzelnen Verszeilen richtet sich, rein äußerlich gesehen, nach optisch-ästhetischen Regeln, so dass jedes Gedicht schon von der Symmetrie seiner Gliederung her ein eigenes „Bildwerk“ darstellt. Der Zeilenbruch wird darüber hinaus allerdings auch vom Rhythmus des Gesprochenwerdens bestimmt. Der regelmäßige Jambus beherrscht so manches seiner Gedichte.
In Thematik, Ausdruck und Metaphorik folgt Marco Kunz keinem Mainstream, passt in keine Schablone. Seine Sprache ist im Wesentlichen klar und verständlich, nicht verrätselt, wie man es häufig in zeitgenössischer Poesie findet. Oft mischen sich in seine Augenblicksskizzen Banales und tiefer Gehendes, z.B. wenn er sich als „ein[en] Mystiker der Mülldeponien deines Inneren“ anredet oder wenn er die Wörter „Red Hot Chili Pop“ und „Bach“ in eine Zeile zwingt, wenn er von „Peanuts“ und „Weisheit“ redet oder von „Parkuhr-Dasein“ und „Traum“, „fast food“ und „Geist“, „Flaschenbier“ und „Kernphysik“. Wortneuschöpfungen wie „Einweg-End-Bettstatt“, „Lichtschimmerglocke“, „Totgesichter“, „Augenblicksschmelze“, „Hirnwandecho“, „Zivilisationssardine“ begegnen auf Schritt und Tritt.
Meist bleiben seine Gedichte ohne Reim. Und wenn er einmal reimt, fängt er entweder Empfindsames ein oder drechselt witzige Gleichklänge, wie z.B. in der ersten Strophe von „Postmoderne Befindlichkeit II“:

Zwischen Freud und Wittgenstein,
zwischen Nietzsche, Buddha, Laud-se
richte dir dein Leben ein –
aber fall nicht auf die Schnauze.

Es gibt in seinen Gedichten analysierend Kritisches und Sensibles, Plattes wird wahrgenommen und mit klassischen Hinweisen und Zitaten zubereitet. Man spürt seine Liebe zu Rilke, Benn und Rühmkorf, seine literarische, philosophische und sozialpolitische Bildung. Van Gogh, Meister Eckhart, Lotte in Weimar und Heidegger gehören zu seiner Gedankenwelt. Von Rilke stammt das dem Band vorangestellte Zitat: „Was unser Geist der Wirrnis abgewinnt …“. Als eine augenzwinkernde Huldigung Gottfried Benns muss sein Gedicht „Zerstückeltes Ich“ gelesen werde, das auf Benns Gedicht „Verlorenes Ich“ Bezug nimmt. Zitate aus Walther von der Vogelweide („wie man zer welte sollte leben“), aus der Bibel („Sie [eigentlich „er“] muss wachsen, ich aber muss abnehmen“) und aus beliebigen Plakattexten in der U-Bahn und aus Zeitungen zeigen sowohl seine Herkunft aus einem Gymnasium als auch sein Leben mitten im Großstadtmilieu Berlins:
„wie man zer welte sollte leben“ – das / Mittelalter ist so nah, persönlich / und im Allgemeinen / bei Wurstbrötchen und Kaffeeduft“.
Der Alltag dringt stets an mit „Laptop“, „Facebook“, „Cafés und Kneipen“; ebenso die Weltprobleme von „Ölschock“ über „Massaker“ zu „Aids“ und die dumme Leichtfertigkeit, mit der in den Zeitungen von „Humankapital“ geredet wird.

Das lyrische Ich ist meist sehr präsent, oft auch in Form einer Selbstanrede, wie hier:

… und dein Leben liegt
wie Kleidung, vorm
Zu-Bett-Gehn abgeworfen /
neben dir.

Zur Betrachtung der Umgebung in Raum und Zeit gesellt sich die Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung..
Das Gedicht, welches dem Band seinen Titel gab, „Gezeitenrhythmus in HD“, reflektiert das eigene produktive Schaffen, das Finden des richtigen Wortes, während „von außen prasseln / hagelschauernd Millionen / Wörter, die nichts sagen“, z.B. der Werbespruch auf einem Plakat „Jetzt auf HD umschalten“. Zwar wird dieser Werbespruch innerhalb des Gedichts als banal abgetan, aber der Begriff „HD“ bezeichnet doch sehr bewusst die eigene Art der Wahrnehmung. Sie ist „hochauflösend, tiefenscharf“ (so in seinem Gedicht „Intro“). Hell, aufmerksam und glasklar beobachtet er seine Umgebung, sei es „mitten in Berlin-Neukölln / in einer Altbauwohnung, 2. Stock“, am Strand von Rhodos, in der U-Bahn oder im Gegenüber mit der pflegebedürftigen Person und ihrem armseligen Zustand. „Stirnlappenklarheit“ nennt er seine Fähigkeit, genau zu sehen; sein „Wahrnehmungsapparat“ funktioniert unbestechlich präzis. Seine Aufmerksamkeit gilt dabei dem Augenblick. Ihn will er immer „als entscheidend ansehen“, immer in allen seinen Dimensionen wahrnehmen, immer in der Erwartung, dass er seine Tiefe erspürt und dass sich „ein Bild formt“, das inspiriert, Verwandlungskraft hat und Wert hat, dokumentiert zu werden. „Vergängliches verwandelt dich.“, heißt es einmal in einer solchen Augenblicksbetrachtung. Das bedeutet, schließlich kann das ganz Einfache, der „Geruch von / regennassem Teer im Mai – / ein Augenblick, ge- / lebt, gerochen“ schon „Sinn machen“. Für ein intensiv betrachtetes „Blau über den Lichtern der Stadtsommernacht“, das ihn bewegt, lohnt es sich zu leben. Offen und durchlässig für das, was sich „unwandelbar“ hinter „Sternenhimmel“ und „Wellenrauschen“ verbirgt, stellt er einmal fest: „Du bist nicht von hier“. Davon zeugt offenbar „ein Fixgestirn, das in dir Licht gibt.“ Die „Fundamente“, die er nachts in seinem Inneren legt, bewahren ihn aber nicht davor, dass er sich in bestimmten Augenblicken so sieht: „Du sitzt – allein, gefährlich schwebend am Kraterrand der eigenen Existenz“. Er schreibt sowohl davon, dass es Momente gibt, in denen er das Leben lieben kann, als auch davon, dass es solche Momente gibt: „In mir wird alles oft unendlich schwer“.
Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit des Daseins, zu Hause sein in der „Ankunftslosigkeit“ des einfach im Zug Fahrens, „ein Leben wie auf Trassen“ und doch immer wieder „zyklisch transformiert“ zu werden und einen „Neustart“ zu proben – diese Wahrnehmungen entfalten ihre hautnahe Wirkung in seinen Gedichten.

Es ist sein „Schönheits-, Wahrheits-, Ausdrucksdrang“, der ihn von Moment zu Moment antreibt, sehend, denkend, schreibend tätig zu werden. Eine Art Zwang liegt auf ihm: Er muss schreiben. „Die Mühle im Kopf steht nicht still“. Schreiben, dichten erscheint als Lebensnotwendigkeit, als Lebensform und Lebenselixier („Immer neu schaffst du dein Elixier“.) In seinem Text „Das Gedicht, das du schon immer schreiben wolltest“, sagt er, seine Gedichte „schreiben sich“, sie schreiben ihn, den Dichter, selbst und werden ihn „immer weiter schreiben, bis dir der Blick und Atem-Sinn vergeht.“

Lesen Sie selbst! Mit diesem Buch ist Marco Kunz meines Erachtens ein ganz großer Wurf gelungen. Es ist für 8,50 € in der Weilburger Residenzbuchhandlung und auch online bei amazon erhältlich.“


Gezeitenrhythmus 100 mal verkauft!

danke


Gezeitenrhythmus in HD + Body Utopia live im Internetradio bei INeeDRadio

Die morgige Veranstaltung mit Trami Nguyen, Thomas Nessi und mir im Institut für Alles Mögliche wird live ab 19:00 Uhr im Internetradio bei

 INeeDRadio

in dessen wöchentlichem Programm

~Concert Xperience~

fri 6 pm

INeeDRadio Concerts .

We Presents our Underground Recording around the World _

by_INeeDRadio Studio ( Mobile ) Recording _

Enjoy the concerts that we have recorded in the streets last years! by_INeeDRadio Studio Mobile Recording_

übertragen. Wer also Zeit hat und nicht in Berlin-Mitte sein kann, kann die Lesung mit experimenteller elektronischer Musik  über das oben verlinkte Programm (einfach auf „INeeDRadio“ klicken) einfach über den PC hören.


Doppelte Doppellesung am 7./8.11.

Zur bereits angekündigten Doppellesung mit anschließender Geburtstagsfeier am 8.11. (auf den 9.11.) im Ventilator in Kreuzberg gesellt sich jetzt noch eine weitere Doppellesung von Thomas Nessi und mir am Abend zuvor im Institut für Alles Mögliche in Mitte. – Insgesamt wird es jetzt also eine „Doppelte Doppellesung“ von Thomas Nessi und mir am 7./8.11.:

„Thomas Nessi kommt nach Berlin, um seinen neu erschienenen Gedichtband “Rollen die Wolken durch den Wind” vorzustellen – und zu diesem Anlass wird am 7.11./ 8.11. eine doppelte Doppellesung der beiden edition-scardanelli-Autoren Thomas Nessi und Marco Kunz stattfinden:

Am Freitag, den 7.11., gibt es im Institut für Alles Mögliche, Ackerstraße 18 in Berlin-Mitte, zur Eröffnung der Bücherei eine einmalge Kooperation mit der französischen Pianistin Trami Nguyen zu sehen und zu hören: sie wird die Gedichte der beiden Lyriker mit elektronischer Musik einrahmen und verknüpfen. Trami Nguyen ist eine sehr vielseitige Musikerin, die sowohl klassisches Klavier als auch Jazz-Piano als auch, wie an diesem Abend, experimentelle elektronische Musik spielt. Man kann gespannt sein, was bei der Verbindung ihrer Musik mit der Lyrik der beiden Dichter herauskommt …“

(http://edition-scardanelli.de/)

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