Was es braucht

Was es braucht

.

Krümel auf dem Tisch dort zwischen

Glas und Kanne – was braucht es, euch

zu sehn, wie ich’s jetzt tu (genau das-

selbe braucht die Frage, um erst zu ent-

                                             stehn):

                                                            Blut, Geschrei, ein Atem-

holen (fast mit der Nabelschnur erwürgt),

verkackte Windeln, Hosen braucht es,

die Angst im Dunkeln, ganz allein – die

Angst vor andern, vor der Kloppe, Angst.

vor Schule, Zeugnissen, die erste

Lust auf Mädchen braucht es, Ge-

wissensbiss beim Masturbiern (die Oma

tot im Himmel schaut), den Suff, den

Freundschaftsjubel braucht es, per An-

halter mit Zelt und Hasch, es braucht die

Doors und Rilke braucht es, Benn,

Beethoven und Hölderlin, die Sehnsucht,

einmal weise und erlöst zu sein, den

Kampf und Krampf zu schreiben,

dichten braucht es, am Rand des Wahn-

sinns (wohl nicht nur am Rand), den

ersten Kuss, Hormone braucht es, an

Frauenschenkel streifend Hand und

Mund, den Umzug in die Großstadt

braucht es, den Rausch, auf Straßen,

Plätzen Verträge fremden Leuten anzu-

drehn, die eigne Wohnung, Blind-Dates,

Cocktails braucht es, es braucht

das Date, bei dem’s so seltsam funkt,

dass man zusammenbleibt und ich

zusammenzieh mit Frau und Hund

und Hamster, oft streitend und ver-

söhnend (der Hamster längst verstorben,

der Hund heult immer noch), das

schmutzige Geschirr dann schließlich

braucht es, vorhin von mir ge-

spült, die Stimmung, die dann

kam, mein Fertigwerden mit dem

Spülen braucht es, mein Setzen

                                                an den

                                                             Tisch, auf dem ihr Krümel

liegt, dort zwischen Glas und

Kanne, – wo ich euch seh, mit

meinem Weltwahrnehmungs-

apparat, nachts und halb eins, in

einer Küche in Berlin

.

Veröffentlicht im „Jahrbuch der Lyrik 2007“, S. Fischer Verlag, 2006

translation

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3 Kommentare on “Was es braucht”

  1. M4tt34 sagt:

    Was braucht es damit ein Tag ein guter Tag ist?
    Arbeit, Sport, ein Budweiser zu viel (oder zwei),

    das Gespräch mit der fremden Frau –
    „der Sommerabend ist so lau….“

    Einen Tanz auf dem Billardtisch (oder zwei),
    ein wenig russisch, ungarisch, französisch, englisch
    but remember Echnaton, always remember Echnaton!

    • marcokunz sagt:

      Echnaton (auch Amenophis)
      trank Budweiser, weil Wasser doof is –
      Er tanzte fast auf jeder Fete
      aufm Billardtisch mit Nofretete –
      das ganze törnte ihn so an,
      dass er den Sonnengott ersann —
      bei jedem Lebenslust-Log-on –
      always remember Echnaton!

  2. […] Deutsche Originalfassung […]


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